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Bereits erschienen: Mitt liv i Sverige - 1. Brief Mitt liv i Sverige - 2. Brief
Mitt liv i Sverige - 3. Brief Mitt liv i Sverige - 4. Brief
Mitt liv i Sverige - 5. Brief Mitt liv i Sverige - 6. Brief
Mitt liv. Sverige - 7. Brief Mitt liv i Sverige - 8. Brief
Kära vänner,
die Menge dessen, was ich erlebe, verhält sich umgekehrt proportional zu der verfügbaren Zeit, die ich habe um darüber zu berichten.
Seit ich wieder arbeite, muss ich mich damit arrangieren, dass 10,5 Stunden am Tag mit Job und damit, dorthin und wieder zurück kommen, draufgehen. Mein Arbeitsplatz ist am anderen Ende der Stadt und das Stockholmer Verkehrssystem ist eine Katastrophe. Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein Verkehrsmittel verspätet ist. Heute habe ich z.B. 20 Minuten auf dem Hauptbahnhof gestanden, bis endlich der Pendelzug kam. Nachdem wir alle eingestiegen waren, hieß es: Der Zug hat ein technisches Problem. Daraufhin bin ich zusammen mit einer Kollegin in ein Taxi gesprungen, weil wir die Nase voll hatten. Angeblich bekommt man das Geld dafür von den Stockholmer Verkehrsbetrieben zurück (ab 20 min Verspätung). Ich bin gespannt! Der verlautbarte Grund für die ständigen Verspätungen ist übrigens: Rutschigkeit durch Blätter auf den Gleisen. Hat man so was schon jemals in Berlin gehört?
Insgesamt gefällt es mir ziemlich gut an meinem neuen Arbeitsplatz. Dazu trägt vor allem bei, dass die gesamte Atmosphäre sehr entspannt ist. Die Lunchpause ist offiziell eine halbe Stunde, aber es ist völlig klar, dass man eine ganze Stunde Pause macht. Wir haben einen Gymnastik- und Geräteraum im Keller, die man beide während der Arbeitszeit nutzen kann: jeden Tag gibt es ein Angebot um die Mittagszeit, Fitnesstraining mit Musik zu machen. Den Trainer bezahlt der Arbeitgeber. Man darf allerdings nur einmal pro Woche während der Arbeitszeit Fitness machen. Ansonsten muss man sich eben ausstechen oder die Mittagspause nutzen. Nett ist auch, dass es überall im Gebäude "Sozialinseln" gibt, d.h. eine Küchenzeile mit Tresen, wo man sich sein Mittagessen warm machen, Kaffe holen, und mit Kollegen schwatzen kann. Vor oder neben der Küchenzeile befinden sich Gruppen mit Sofas und Tischen, wo man sitzen und Essen oder plaudern kann. Kantinen scheinen hier nicht so üblich zu sein; entweder man bringt sich also sein Essen selber mit, oder man geht in eines der zahlreichen Restaurants ringsum, die immer ein lunch-Angebot haben. Und dann gibt es noch die nachmittägliche Fika-Pause (das bedeutet Kaffe trinken), die ebenfalls Teil der schwedischen Arbeitskultur ist.
Ein großer Unterschied im Vergleich mit meinem früheren Arbeitsleben ist, dass ich viel mehr Zeit habe, mich in eine Sache zu vertiefen. Das Dossier, das ich zusammen mit drei anderen Kollegen bewerten soll, ist so ca. 4 Regalmeter lang, und die geschätzte Zeit dafür ist ungefähr ein Jahr. Anfangs fand ich diese Perspektive ziemlich furchtbar, und ich hatte Angst, dass mir bestimmt langweilig wird. Im Moment genieße ich es aber, so wenig Zeitdruck zu haben und mich mal richtig gründlich mit etwas beschäftigen zu können. Das kann man als Chefin ja nie.
Und außerdem bin ich natürlich fortwährend mittelmäßig gestresst, weil ich mit dieser fremden Sprache klarkommen muss. Fachlich habe ich glücklicherweise weniger Schwierigkeiten, aber was ganz schlimm ist, sind die Lunch- und Fikapausen. Da reden eben immer mehrere Leute, schnell und über alles Mögliche, von dem ich keine Ahnung habe, weil ich den Kontext nicht kenne. Da komme ich mir manchmal absolut blöd vor, weil ich dem Gespräch nicht richtig folgen kann, geschweige denn etwas dazu beitragen.
Abgesehen davon fühle ich mich aber recht wohl. Ich finde, dass der Umgang mit Neuangestellten wie mir sehr professionell und angenehm ist. Ich habe das Gefühl, dass mir viele Hilfestellungen geboten werden, mich zurecht zu finden. So wurde mir z.B. am Anfang ein "fadder" zugeteilt, der dafür zuständig ist, mich überall herumzuführen, mich vorzustellen, mich in die richtigen Dokumente und Arbeitsmappen einzuführen und mir für Fragen aller Art zur Verfügung zu stehen. Das Problem an meinem "fadder" ist leider, dass er so nuschelt, und ich ihn deshalb sehr schlecht verstehen kann, was meinen Fragetrieb doch recht maßgeblich einschränkt. Aber im Prinzip ist der "fadder" eine sehr gute Einrichtung!
Ein weiterer Teil der schwedischen Arbeitskultur sind gemeinsame Planungstage so ungefähr einmal im Jahr. Wie es der Zufall wollte, fiel dieses Ereignis gleich in meine zweite Arbeitswoche. Meist finden diese Planungstage irgendwo außerhalb statt, in unserem Fall mit Übernachtung. Wir fuhren also in ein feines Konferenzhotel mit Spa-Abteilung nach Nynäshamn (so ca. 1 Stunde von Stockholm mit dem Pendelzug), wo wir uns eineinhalb Tage mit verschiedenen Themen befassten. Abends durften wir dann die Sauna und die Whirlpools besuchen, bevor es ein ausgesuchtes Abendessen gab. (Glücklicherweise habe ich mich vorher nach den Gepflogenheiten erkundigt: man geht nicht nackend in die gemischte Sauna in Schweden!). Der Ort und das ganze Ambiente waren wunderschön, aber für mich war das natürlich die Überforderung in Tüten. 50 neue Gesichter, viele Themen, von denen ich noch nie was gehört hatte, und ich dann die vielen Pausen- und Saunagespräche, bei denen ich nur Bahnhof verstand......
Für meinen neuen Arbeitsplatz eingenommen hat mich natürlich auch, dass ich nach vier Tagen Arbeit gleich in den Urlaub verschwinden durfte (lang geplant....). Wir waren im September für 10 Tage in England. Als wir dort abends ankamen, hatte ich ein kleines Erlebnis, das illustriert, welche Wurzeln alle zu einer kulturelle Prägung gehören: Als ich aus dem Zug stieg, hatte ich auf einmal einen ganz vertrauten Geruch von Herbst in der Nase, den ich aus Deutschland kenne: nach Feuchtigkeit, Kühle und Gartenfeuer. So riecht es in Schweden nie!
Bis auf diesen Geruch ist aber alles ganz anders in England - irgendwie skurril. In mancher Beziehung wirkt das Land ein bisschen zurückgeblieben, z.B. was Wohnkomfort betrifft. Dass in allen Bädern Teppiche liegen und die Kräne für Kalt- und Warmwasser getrennt sind, darüber könnte man ja noch hinwegsehen. Dass man die Wohnungen allerdings oft nicht anders heizen kann als mit Elektrizität (Nachtspeicheröfen! man muss 24 Stunden vorher entscheiden, ob man es am nächsten Tag warm haben will) finde ich schon unangenehmer. Dafür fehlt natürlich in keiner Wohnung die Reminiszenz an den ehemaligen Kamin - in Form eines elektrisch betriebenen künstlichen Feuers. Und dass die englischen Wasserwerke offenbar die Dosierung von Chlor nicht hinbekommen, war mir ein anderes unverständliches Phänomen. Das Wasser an der Südküste war so ekelhaft, dass man es nur mit Mühe hinunter bekommen hat. Anderes ist wieder sehr einnehmend: das große Angebot und die Billigkeit der Lebensmittel, die Freundlichkeit der Leute, die Schönheit der Natur und der Kulturlandschaft, Tee mit Scones und clotted cream. Und die Vielfalt ist speziell in London so viel größer als man das selbst aus Berlin gewohnt ist: mehr unterschiedliche Rassen und kulturelle Herkünfte, mehr unterschiedliche Kleidungsstile, usw.
Die ersten Tage waren wir in der Nähe von London wohnt, und haben von dort aus Ausflüge gemacht - immer mit der Bahn. Die 25 verschiedenen Bahnunternehmen, die Südengland versorgen, funktionierten entgegen ihrem Ruf vorbildlich. Das muss auch so sein, werden doch täglich 20 Millionen Menschen nach London hinein, in London herum und wieder hinausgebracht.
Nach drei Tagen sind wir dann weitergereist an die Südküste, nach Devon. Wir hatten wunderschönes Wetter, und haben auch dort viel gesehen: das Dartmoor, das Haus, in dem Agatha Christie gewohnt hat, Eisvögel, wilde Delphine, Seehunde, und ein wunderschönes Hotel hoch über dem Meer, das dem Namen dieser Gegend "englische Riviera" alle Ehre gemacht hat. Gewohnt haben wir in einer Privatwohnung einer älteren Dame, die verreist war. Auch das beeindruckend in England: die Wohnverhältnisse sind ziemlich beengt, und was wir in Deutschland an durchschnittlichem Wohlstand haben, davon können viele Engländer nur träumen. Dafür gibt es natürlich auch sehr reiche Leute, die ihre Landsitze an den schönsten Orten haben oder ganze Straßenzüge in London Belgrave besitzen, mit upper class Akzent sprechen und in feine Tuche gekleidet sind. Daran haben offenbar auch 20 Jahre Labour Regierung nicht viel ändern können.
Ja, und dann waren wir noch übers Wochenende in Kopenhagen.... dort haben wir Freunde besucht und haben unser Hochzeitsgeschenk eingelöst: Einen Besuch im Museum Luisiana. Das ist wirklich ein außergewöhnliches Museums-Erlebnis: eine höchst gelungene Synthese aus Landschaft, Architektur und moderner Kunst: www.luisiana.dk Die gesamte Gegend und Atmosphäre da hat uns sehr gut gefallen. Die Dänen sind viel offener und kontaktfreudiger als die Schweden (man nennt die Dänen auch die Italiener Skandinaviens), sehen nicht so konform aus und scheinen den offeneren Umgang mit Alkohol, der im kleinen Nachbarland von Schweden herrscht, auch weidlich zu genießen. Zumindest als wir am Sonntagmorgen Winterbaden in der Ostsee waren, durften heißer Tee und Schnaps nicht fehlen....
Für heute grüßt Euch herzlich
Johanna
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