Mitt liv i Sverige - 1. Brief

Ihr Lieben,

nun bin ich schon über einen Monat in Schweden! Ich wollte schon lange mal von mir hören lassen, aber irgendwie bin ich sehr beschäftigt.

Mein Leben hier rankt sich bisher sehr stark um das Schwedisch-Lernen. Zunächst war es nicht so einfach, wieder Anschluss zu finden an meinen Stand vom letzten Kurs, die ersten Tage fand ich extrem schwierig. Im Gegensatz zu meiner alten Lehrerin, die immer ganz langsam und deutlich gesprochen hat, quatscht die Neue so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, und ich habe anfangs überhaupt nichts verstanden.

Schwedisch ist überhaupt eine Sprache, die sich im Hören nicht so leicht erschließt; die Schweden „singen", das heißt sie modulieren die Tonhöhe mehrfach, selbst innerhalb eines Wortes, sie ziehen viele Laute zusammen und die Aussprache ist überhaupt deutlich anders als das geschriebene Wort. Andererseits hat man es als Deutsch MuttersprachlerIn viel einfacher, weil viele Wörter sehr ähnlich sind. Meistens ist es aber so, dass erst nach mehrfachem Draufgucken oder Zuhören der Groschen fällt - und dieses langsame Fallen führt natürlich dazu, dass man schon längst den Anschluss an das Gesagte verloren hat. Beim Lesen kann man ja glücklicherweise so oft wiederholen wie man möchte.

Wir leben hier einem Vorort von Stockholm, der aber verkehrsmäßig gut angebunden ist; man braucht so ca. eine ¾ Stunde bis in die Innenstadt (also für Berliner Verhältnisse durchaus nix Ungewöhnliches). Trotzdem ist das weit genug weg, dass man nicht unbedingt das Bedürfnis hat, den Weg nochmals zu machen, wenn man am Tag schon mal in der Stadt war. Bisher habe ich unserem Vorort keine besondere Zuwendung entgegengebracht: außer im Einkaufszentrum, wo sich insbesondere zwei große Lebensmittelläden befinden, habe ich mich nicht groß umgetan. Das hat sich allerdings letzte Woche geändert, dazu komme ich später noch. Sehr schön ist hier, dass man toll spazieren gehen bzw. Langlauf-Ski fahren kann, in 10 Minuten Fußweg von unserer Wohnung ist man schon in der Natur.

Seit drei Wochen bin ich schwedische Einwohnerin; ich habe mich hier angemeldet, damit bekomme ich eine schwedische personnummer und habe die die Möglichkeit, umsonst Sprachkurse zu besuchen. Schweden bietet so genannte sfi-Kurse (svenska för invandrare) an. Die sind freiwillig und kostenlos, und können von jedem in Anspruch genommen werden, der eine personnummer hat. (Die personnummer ist hier das A&O für jegliche offizielle Handlung; ohne personnummer existiert man praktisch nicht: dementsprechend bekommen Kinder die personnummer bereits bei ihrer Geburt.) Die sfi Kurse werden von den Kommunen organisiert und auch von ihnen bezahlt. Der Staat achtet darauf, dass alle Kommunen ihrer Pflicht selbst nachkommen, oder sich bei anderen Kommunen einkaufen. Die Unterrichtsmaterialien für die Kurse sind ebenfalls umsonst. Neben dem Spracherwerb gibt es zusätzlich auch Einstiegsangebote für Leute, die nicht Lesen und Schreiben können. Soviel zum Thema Integrationspolitik. Davon kann sich Deutschland noch einiges abgucken.

So kommt es, dass ich seit zwei Wochen zwei Sprachkurse mache, einen vormittags bei der Folkuniversitet, dann gehe ich nachmittags an vier Tagen der Woche zu „Schwedisch für Einwanderer". Ursprünglich wollte ich meinen (teuren) Vormittags-Kurs kündigen sobald ich einen Platz bei sfi hatte, inzwischen bin ich aber von der Idee nicht mehr so überzeugt. In meinem Vormittags-Kurs ist eine viel zielorientiertere und offenere Atmosphäre; die Mitstudenten haben eher meinen Ausbildungsstand (wenn auch nicht mein Alter, ich bin neben einer Finnin die zweitälteste im Kurs). In den Kursen bei der Folkuniversitet sind immer viele griechische Ärzte, die hier nach Schweden für ihre Spezialisierung kommen. In Griechenland müssen sie wohl jahrelang warten, bis sie eine Stelle als Assistenzarzt bekommen. In meinem Nachmittagskurs dagegen sind eher die Armen und Beladenen dieser Welt, Menschen aus Osteuropa (Slovenien, Litauen, Estland), aus Ghana, Marokko, Thailand, Chile, Armenien. Alles Länder, von denen man bestenfalls weiß, wo sie liegen. Entsprechend der Zielgruppe wird dort nicht nur die Sprache vermittelt, sondern auch Kultur und Geschichte Schwedens, sowie viele praktische Alltagskenntnisse (wie finde ich eine Wohnung, wie rufe ich bei meiner Hausverwaltung an, usw.). Das finde ich natürlich sehr spannend, anfangs war ich ganz begeistert. Die Vermittlung praktischer Kenntnisse ist dann aber manchmal etwas sehr grundsätzlich. Neulich haben wir zum Beispiel mehr als eine Stunde damit zugebracht, wie man ein Fomular im Internet ausfüllt, mit dem man seine Adressänderung bekannt gibt, wenn man umziehen will.

Was mich außerdem wenig anspricht, ist dass der kommunale Kurs mich erst so richtig mit den stadtplanerischen Schönheiten unseres Vororts in Kontakt bringt. Ich muss über mehrere Parkplätze, an der Schwimmhalle vorbei und dann über noch einen Parkplatz zu einem hübschen Flachbau, der von weiteren Zweckbauten eingerahmt ist. Dahinter gruppiert sich dann zwanglos die Autobahn. Da ziehe ich für meine Wege doch eher die andere Richtung vor, die in die Natur führt.

Schweden fühlt sich für mich schon sehr ähnlich wie Deutschland an, es gibt aber natürlich schwedische Besonderheiten: das Hervorstechendste ist die große Durchdringung aller Bereiche mit Informationstechnik. Es ist hier viel üblicher, alles Mögliche per Internet zu erledigen, z.B. seinen Umzug + Nachsendeantrag per Internet anzuzeigen, usw. Bei der Frage, was passiert, wenn man das nicht macht, war unsere Lehrerin vollkommen entsetzt: „Ja, dann kriegt man kein Kindergeld mehr, keine Rente, usw." Auf diese Weise hat der Staat natürlich einen viel genaueren und direkteren Zugriff auf alle Bürger, was kleinere und größere Betrugsversuche schwierig bis unmöglich macht; z.B. dem Finanzamt ein Schnippchen zu schlagen, indem man anderswo gemeldet ist als man tatsächlich wohnt, geht hier schlicht nicht. Die Schweden denken sich nichts dabei, dass sie so rundum erfasst sind, sie sind es nicht anders gewohnt. Hier ist es auch durchaus üblich, jeden kleinen Betrag im Café mit Visa-Karte zu bezahlen. Eine Identitätskarte stellt einem hier jede Bank, Post, usw. aus, Hauptsache, man hat eine personnummer.

Was im schwedischen Staat offenbar sehr groß geschrieben wird, ist Bildung. Ich habe hier noch für keine Ausstellung Eintritt bezahlt, es gibt ein kostenloses Bildungsprogramm für Erwachsene, es gibt zahlreiche Möglichkeiten der kostenlosen Internet-Nutzung und an vielen Orten gibt es die Möglichkeit, in- und ausländische Zeitungen zu lesen.

Gestern war ich in der Staatsbibliothek, wo es eine beeindruckende Menge englischer, deutscher, finnischer und anderer Bücher gibt. Am interessantesten für mich: die Regalreihen mit „Svenska lätt" also leicht verständlichem Schwedisch. Es gibt eine große Auswahl davon, sowohl Bearbeitungen bekannter Klassiker wie Romeo und Julia, aber auch Henning Mankell Krimis, usw. Auf diese Weise war ich schon in der Lage, mein erstes schwedisches Buch zu lesen. Es gibt ebenfalls jeden Tag für 10 Minuten ein Nachrichtensendung „Klartext", die einfaches Schwedisch verwendet, sowie zwei Zeitungen auf „svenska lätt".

Im Großen und Ganzen ist der Kulturschock aus Deutschland kommend nicht so groß: Vieles ist sehr ähnlich; auch wenn ich mir die Physiognomien in der U-Bahn anschaue, und die Art, wie die Leute gekleidet sind, kann ich keinen großen Unterschied zu Berlin bemerken (doch: die Leute telefonieren viel mehr und hemmungsloser mobil!). Was mir das Zurechtkommen in einer fremden Stadt auch kolossal erleichtert ist, dass hier wirklich jeder und jede Englisch spricht. Ich bin bisher zwei Leuten begegnet, die das nicht konnten. Und Englisch sprechen bedeutet meist, exzellentes Englisch zu sprechen. Kein Wunder, gehört es doch hier zum Alltag, unsynchronisierte amerikanische Serien im Fernsehen zu sehen und in englischsprachige Filme zu gehen (der kulturelle Einfluss, der damit verbunden ist, ist natürlich zweifelhaft, der Einfluss auf die Sprachkompetenz aber in jedem Fall erstaunlich).

Und schließlich macht der Klimawandel auch vor Schweden nicht halt: seid einigen Tagen ist es ungewöhnlich frühlingshaft, der Schnee schmilzt und schmilzt und die Bäume schlagen vorzeitig aus. Das finde ich nicht so schön, es widerspricht irgendwie meinem Gefühl, dass die Jahreszeiten charakteristisch sein sollten. Und außerdem wollen wir nächstes Wochenende zum Langlaufskifahren in den Norden fahren. Ich hoffe, dafür reicht der Schnee dann noch.

Mit diesen Nachrichten aus dem hohen Norden (Stockholm liegt übrigens auf der Höhe von Südgrönland und Alaska) verabschiede ich mich für heute und grüße Euch herzlich

                                                                                        Johanna

 

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