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Bereits erschienen: Mitt liv i Sverige - 1. Brief
Ihr Lieben,
die Zeit rast und ich will mal wieder von mir berichten.
Heute haben wir in der Klasse über die schwedischen Bezeichnungen für Beziehungspartner diskutiert. Die sind viel präziser als bei uns, und geben gleichzeitig Auskunft über die Verbindlichkeit der Beziehung. Neben den Worten „mein Freund" „meine Freundin" (pojkvän, flickvän), gibt es Bezeichnungen für verbindlichere Beziehungen: särbo (in etwa: auseinander leben), sambo (zusammen leben=wohnen), delsbo (teilzeit zusammen leben, etwa wenn einer der Partner an einem anderen Ort arbeitet), aber auch mambo (wenn ein erwachsenes Kind noch bei Mama lebt). Und dann gibt es natürlich wie bei uns Bezeichnungen für den oder die Angetraute: min man, min fru. Diese Fülle der Begriffe weist nicht nur auf sprachliche Genauigkeit hin, sondern ist - wie Sprache ja häufig - ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse. Für die Schweden sind Familienleben und Beziehungen ein viel zentralerer Bestandteil ihres Lebens - was sich unter anderem in höheren Geburtenraten niederschlägt (2005: 1,77 pro Frau, 1,58 pro Mann). Jetzt würde ich Euch ja gerne über die Geburtenraten in Deutschland zum Vergleich informieren - allein, die Daten des statistischen Bundesamtes geben dies nicht her. Es ist nämlich in Deutschland so, dass diese Daten pro Frau und bezogen auf eine Beziehung erhoben werden. Da es inzwischen auch in den besten Familien vorkommt, dass Kinder mehreren Beziehungen entstammen, kommen die Statistiker da ein bisschen durcheinander. Eine Initiative des Statistischen Bundesamtes, die Erhebungsgrundlage zu ändern, ist im Bundestag gescheitert (ich glaube, das hatte irgendwas mit dem Schutz von Ehe und Familie zu tun)!! Dass in Deutschland offenbar niemand auf die Idee kommt, diese Daten auch geschlechtergetrennt zu erheben - in Schweden, siehe oben, selbstverständlich - setzt dieser Absurdität dann nur noch das Sahnehäubchen auf. Denn wie man auch den schwedischen Zahlen entnehmen kann, sind die rückläufigen Geburtenraten wohl eher ein Hinweis auf einen Zeugungsstreik als auf einen Gebärstreik, obwohl uns die Medien letzteres immer wieder weis machen wollen.
Wie Ihr Euch vorstellen könnt, interessieren mich natürlich die gleichstellungspolitischen Facetten des Lebens hier besonders. Dass Schweden da weit vorne ist, ist eine Binsenweisheit, die sich aber durch manches Detail belegen lässt. Zum Beispiel an den Reformen des Familienstandsrechts. Während in Schweden ein Elterngeldgesetz mit Lohnersatzleistungen bereits 1974 eingeführt wurde, trat ein entsprechendes Gesetz in Deutschland ja bekanntlich ja erst Anfang 2007 in Kraft. 1995 hat die schwedische Regierung dann eingeführt, dass ein gewisser Anteil der Elternzeit daran gebunden ist, dass der Vater sie nimmt, weil auch hier festzustellen war, dass die Väter nur unmaßgeblich von der Elternzeit Gebrauch machten. Zumindest dies hat man in Deutschland ja bei der Einführung des neuen Elterngeldgesetzes gleich anreizmäßig geregelt. Die Ergebnisse werden allerdings sicher eine Weile auf sich warten lassen. In Schweden ist nun, 12 Jahre nach Einführung des „Pappamonats", das Bild des öffentlichen Lebens viel stärker von Vätern mit Kindern geprägt als bei uns; Väter, die mit anderen Vätern zusammen ihre Kinder im Park spazieren schieben, Väter, die mit ihren Kindern einkaufen gehen, usw. Schweden ist sicherlich kein Paradies - 80 % der Alleinerziehenden sind auch hierzulande Frauen - aber doch Deutschland ein ganzes Stück voraus. Auch hier geht der Kampf natürlich weiter, um den gleichen Anteil bei der Hausarbeit und bei der Kindererziehung, und er ist lange nicht ausgefochten - wie ich verschiedenen Kolumnen in der Zeitung entnehmen kann.
Zu Hause muss ich diesen Kampf glücklicherweise überhaupt nicht führen, mein Liebster macht mehr im Haushalt als ich; ich muss ja abends immer Schwedisch-Hausaufgaben machen und habe nicht soviel Zeit! J Überhaupt ist die Hausarbeit für mich als engagierte Berufsfrau und nach jahrelangem Single-Dasein ein gewöhnungsbedürftiges Etwas. Die täglichen 2-3 Stunden, die abends mit Einkaufen gehen, Essen kochen, Essen und dem anschließenden Küche aufräumen draufgehen, lassen mich doch öfter etwas unwillig und ungeduldig sein. Dass die tägliche Nahrungsaufnahme plus Drumherum so lange dauert, scheint mir soviel Zeit von den interessanteren Dingen des Lebens abzuzwacken.....
Eine für mich ungewohnte Art der schwedischen Hausarbeit ist auch das Waschen. In jedem Mehrfamilienhaus (das durchaus aus Eigentumswohnungen bestehen kann) gibt es eine so genannte tvättstuga, auf Deutsch sagt man dazu wohl Waschküche. Die tvättstuga unterscheidet sich allerdings von deutschen Waschküchen darin, dass die Waschmaschinen industriemäßig ausgelegt sind und alle zum Haus gehören, also von der Hausverwaltung gestellt werden. Man bucht Waschzeiten, indem man Schlüssel mit seiner Wohnungsnummer in eine große Wandtafel mit Zeiten steckt. Das schien mir zunächst ein kompliziertes Verfahren, muss man doch alle Wäsche in Taschen verstauen, das Waschmittel einpacken, und den mehr oder weniger langen Weg in den Keller zurücklegen. Der Vorteil ist jedoch, dass man in 2-3 Stunden die gesamte Wäsche von zwei Wochen gewaschen hat (also mit Teenagern im Haushalt 4-5 Maschinen), die man dann getrocknet und gefaltet wieder mit nach oben bringt. Keine in der Wohnung herumhängende und Platz beanspruchende Wäsche! In der tvättstuga sind natürlich nicht nur Waschmaschinen, sondern auch Wäschetrockner und ein so genannter Trockenschrank, ein mir bis dahin unbekanntes Haushaltsgerät. Darin hängt man die Wäsche auf Stangen, die dann von Heißluft umblasen werden - allerdings nicht so heiß wie im Wäschetrockner und also ohne die bekannten nachteiligen Effekte auf die Wäsche. Besonders unbeliebt ist die Methode, Waschzeiten von anderen zu benutzen; man findet dann die gebuchten Maschinen voll vor und kann den Missetäter meist nicht am Schlaffittchen packen, weil der natürlich während des Waschens wieder in seine Wohnung verschwindet.
Das Beziehungs- und Familienleben und das Schwedisch-Lernen bestimmen weiterhin weitgehend meinen Alltag hier, ab und an garniert mit administrativen Aufgaben, die das Ansiedeln in einem fremden Land so mit sich bringt. So war ich neulich im migrationsverket, der Ausländerbehörde, um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen, für mich der erste Kontakt mit einer Behörde dieser Art. Prinzipiell haben EU-Bürger ja ein Aufenthaltsrecht in allen anderen EU-Mitgliedsstaaten. Ich also auch in Schweden. Doch im Konkreten ist dieses Aufenthaltsrecht an Voraussetzungen geknüpft - entweder eine Arbeit, ein Studienaufenthalt, Familienzusammenführung oder als „person of adequate means": Man muss beweisen, dass man genug Geld hat, um sich selbst über Wasser zu halten. Ich hatte also letzteres vor, weil ich keine Lust hatte, dem Schwedischen Staat Details über unsere Beziehung mitzuteilen („Wann und Wo haben Sie sich kennengelernt? Ab wann haben Sie sich als Paar verstanden? Wie haben Sie Kontakt gehalten, wie oft haben Sie sich gesehen? Haben Sie gemeinsame Kinder? Haben Sie vor zu heiraten?", usw.). Gewitzt im Umgang mit Behörden hatte ich natürlich vorher angerufen, um zu fragen, ob meine letzten beiden Gehaltsbescheinigungen ausreichen zu beweisen, dass ich „adequate means" besitze. Ja das würde reichen, erhielt ich zur Antwort. Das stellte sich aber vor Ort ganz anders dar: Das sei ja nur ein Zeichen, dass ich das Geld erhalten hätte, nicht aber, das ich es tatsächlich noch hätte !! Da müsse ich schon einen Kontoauszug von meinem eigenen Konto vorweisen. Was natürlich unter Immigranten zu der einfachen aber funktionierenden Umgehungsmethode führt, sich eine Summe Geld auf sein Konto überweisen zu lassen, die Kontoauszüge dann vorzuzeigen und das Geld anschließend wieder abzubuchen.
Ich habe unter diesen Umständen auf mein dauerhaften Aufenthaltsrecht erstmal verzichtet (obwohl meine Kontoauszüge dafür sicherlich ausreichen würden). Es war schon komisch diese Erfahrung, obwohl ich überzeugt bin, dass die schwedische Beamtin, die ich da vor mir hatte, noch vergleichsweise freundlich war. Trotzdem: dem Ermessensspielraum einer mehr oder weniger wohlwollenden Person ausgeliefert zu sein, ist keine angenehme Erfahrung. Und ich bin ja als EU-Bürgerin wohlgemerkt Antragstellerin erster Klasse; außerdem geht es bei mir auch nicht um meine Existenz (die habe ich ja in Deutschland sicher, und hierher fliegen kann ich ohnehin jederzeit). Als Nicht-EU-BürgerIn diesem Prozedere ausgeliefert zu sein, ist aber mit Sicherheit kein Zuckerschlecken.
Mit diesem kleinen Ausflug in die europäische und Nicht-europäische Migrationspolitik möchte ich meinen Brief für diesmal beenden (obwohl es natürlich noch Tonnen mehr zu schreiben gäbe, aber der schöne Sonnenschein lockt).
Ich grüße Euch alle herzlich!
Johanna
PS. Auch diesmal freuen wir uns wieder von Ihren Erfahrungen zu hören, die Sie uns gerne unter
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