Mitt liv i Sverige - 4. Brief

Bereits erschienen:       Mitt liv i Sverige - 1. Brief                Mitt liv i Sverige - 2. Brief

                                   Mitt liv i Sverige - 3. Brief

Hej,

Dieser schwedische Gruß bedeutet Guten Morgen, Guten Tag, Hallo, und - mit do am Ende, hejdo - auf Wiedersehen. Also sehr praktisch für die orientierungslose Ausländerin. Mit hej liegt man auf keinen Fall falsch. Falls frau es mal - weil früh am Morgen und das Gefühl spricht doch eher dafür, dies auch auszudrücken - mit god morgon versucht, wird man komisch angeguckt. Wenn man vertrauter oder unformaler miteinander ist, kann man das hej noch mit einem "san" verzieren hejsan. Das klingt für mich sehr lustig, weil japanisch, ist aber eine äußerst gängige Begrüßung.

Gestern war ich das erste Mal beim Arzt hier. Als schwedische Einwohnerin (die bereits genannte Personennummer öffnet alle Türen!) habe ich die Möglichkeit, das schwedische Gesundheitssystem zu nutzen. Dies ist steuerfinanziert, Schweden müssen also keine Krankenversicherung abschließen (außer im Fall, dass sie Zusatzleistungen haben wollen).

Die erste Anlaufstelle hier ist erstmal eine Zentrale Beratungstelefonnummer, die man 24 h am Tag erreichen kann und - wie sollte es anders sein - eine Internetadresse mit Informationen. Wenn das nicht weiterhilft, kann man sich an die sogenannte vårdcentral wenden, eine Art Polyklinik, die kommunal organisiert ist. Falls man jedoch einen Spezialisten braucht, wie HNO, Gynäkolog/in oder Chirurg/in ist man bei der vårdcentral falsch, dann muss man sich entweder an einen niedergelassene/n Ärzt/in wenden (lange Wartezeiten), oder an eine/n Arzt/in im Krankenhaus. Bezahlen muss man in jedem Fall zwischen 120 und 260 Kronen (ca. 12- 26 Euro) für diesen Besuch. Es gibt allerdings eine Kappungsgrenze für Selbstzahlungen dieser Art. Zahnarztbesuche muss man immer selbst bezahlen.

Der Nachteil dieses Systems bedeutet: keine freie Arztwahl, wenn man dringender als in 4-6 Wochen zum Arzt muss. Und es ist ein bisschen Aufwand, bis man sich durch die verschiedenen Telefonzeiten und Warteschleifen durchgekämpft hat, um einen Termin zu kriegen. Das ist natürlich wiederum ein Selbstregulativ: Spätestens bei der dritten oder vierten Telefonschleife fängt man an zu überlegen, ob es wirklich so dringend ist, oder ob man seine Bronchitis nicht doch alleine auskuriert. Wenn es etwas wirklich Akutes sein sollte, kann man natürlich gleich ins Krankenhaus in die Ambulanz gehen wie bei uns.

Der Vorteil dieses Systems liegt auf der Hand: keine Krankenversicherung, und wie schon erwähnt das innewohnende Selbstregulativ. Das schwedische Gesundheitssystem ist angeblich 20% Prozent billiger als das deutsche (taz, 9.3.07).

Ich muss hiermit zusammenhängend auch mal mit dem Vorurteil aufräumen, dass die Schweden so viel Steuern bezahlen müssen, was im In- und Ausland mit wachsender Begeisterung wiederholt wird. Schweden hat einfach ein anderes System, das mehr Dinge steuerfinanziert (z.B. Krankenversicherung und Lohnersatzleistungen bei Krankheit oder Elternschaft). Ein kleines Beispiel aus dem praktischen Lohnalltag zeigt, dass das mit den hohen Steuern nicht stimmt:

Mein Liebster verdient ziemlich exakt genau so viel pro Jahr wie ich verdient habe, nur dass sich das bei ihm auf 12, bei mir dagegen auf 13 Monate verteilt. Er muss davon aufs Jahr gerechnet 36,4 % Steuern zahlen (die Abgaben für Pension und Arbeitslosenversicherung zahlt der Arbeitgeber allein). Ich dagegen muss auf mein Gehalt 38,8 % Abgaben zahlen (dahinter verbergen sich nicht nur Steuern, sondern Rentenversicherung und Arbeitslosenversicherung; deshalb ist mein Gehaltszettel leider Gottes so unübersichtlich, dass ich wie Altkanzler Schmidt zu den Leuten gehöre, die ihre eigene Gehaltsabrechnung nicht verstehen; diese listet sage und schreibe 24 verschiedene Posten auf; der Gehaltszettel meines Liebsten dagegen besteht aus drei Zeilen: Brutto, Steuern, Netto). Zusätzlich zu den o.g. Abgaben muss ich mich natürlich noch Kranken- und Pflege- versichern. Dies erhöht meine Abgaben auf 47,7%. Das sind 11,4% mehr, als man im so genannten Hochsteuerland Schweden berappen muss!!

Ob man Kinder hat oder verheiratet ist oder nicht, spielt in Schweden keine Rolle. Hier wird jeder Mensch individuell besteuert, unabhängig vom Familienstand und von der Anzahl der Kinder. Die Unterstützung für Familien wird eher durch öffentliche Einrichtungen gewährleistet, wie ein Flächen- und Bedarf deckendes Kinderbetreuungssystem, ein kostenloses medizinisches System und kostenlose Schulen und Unterrichtsmaterialen sowie die Monatskarte, um zur Schule zu kommen. Dies alles ist natürlich Steuer finanziert.

Ich hoffe, ich habe Euch mit diesem kleinen Ausflug in die (Staats-)finanzwelt nicht gelangweilt! Von mir persönlich gibt es zu berichten, dass ich inzwischen viel freie Zeit habe, die ich manchmal sehr genieße, manchmal aber auch eher nicht. Ich gehe mittlerweile nur noch zu dem "Schwedisch für Einwanderer"-Kurs, der theoretisch viermal pro Woche stattfindet, praktisch aber öfter mal ausfällt, und der mich leider wenig fordert. Die einzige Situation, in der ich auflebe, ist wenn wir mal Gruppenarbeit machen, weil wir dann miteinander sprechen müssen. Ansonsten ist Frontalunterricht eben kein gutes Konzept, wenn die Leistungsunterschiede in einer Klasse recht groß sind. Interessant, das mal so aus der Erwachsenen-Perspektive mitzubekommen. Es ist wirklich eine Qual, im Unterricht zu sitzen, wenn einem sterbenslangweilig ist. In meiner Schulzeit ging mir das glücklicherweise fast nie so.

Letzte Woche war ich in einer Astrid Lindgren Ausstellung, zur Feier ihres 100sten Geburtstages. Die war sehr inspirierend, zum einen wegen Astrid Lindgrens Persönlichkeit, die in einer Reihe persönlicher Fotos und vor allem in einem kleinen Film zu sehen war. Zum anderen wegen der Erinnerung an ihre Bücher, die ich als Kind gelesen und geliebt habe: Pippi Langstrumpf natürlich, Wir Kinder aus Bullerbü, Michel aus Lönneberga, und mein Lieblingsbuch: Ferien auf Saltkrokan. Astrid Lindgren war bis ins hohe Alter schreibend und politisch aktiv. Einmal hat sie - nachdem sie ausgerechnet hatte, dass sie als selbständige Autorin 102 % Steuern zahlen muss - eine Geschichte geschrieben: "Pomperipossa in Monismanien", die in einer großen Tageszeitung veröffentlicht wurde. Daraufhin gab es eine landesweite Diskussion über das Steuersystem und die Sozialdemokraten mussten - unter anderen deshalb - bei der nächsten Wahl erstmalig nach 40 Jahren ihre Regierungsmacht abgeben. Und Astrid Lindgren war immer unkonventionell. Zum 80sten Geburtstag ihrer Freundin ist sie mit ihr zusammen um die Wette auf einen Baum geklettert. Kein Wunder, dass sowohl sie wie auch ihre Figuren sich gut als Vorbild eignen. 
      
Es grüßt Euch herzlich
                                  Johanna

 
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