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Bereits erschienen: Mitt liv i Sverige - 1. Brief Mitt liv i Sverige - 2. Brief
Mitt liv i Sverige - 3. Brief Mitt liv i Sverige - 4. Brief
Mitt liv i Sverige - 5. Brief
Kära vänner,
vorgestern Abend war "välborgsmässoafton", zu Deutsch Walpurgisnacht. Das ist eine große Sache hier in Schweden. Überall werden Feuer angezündet und Chöre singen schwedische Frühlingslieder. Besonders ausgeprägt ist das Chorsingen an der Universität Uppsala. Die Chöre sind in der Regel Männerchöre und die Darbietungen werden im Radio übertragen. Ich muss sagen, auch als Nicht-Schwedin hat sich eine recht feierliche Stimmung in mir ausgebreitet, als wir der Radioübertragung zugehört haben. Danach sind wir zum Feuer in Alby geradelt (das ist ein Bauerngut so ca. 20 Minuten von hier), das um 1/2 9 feierlich angezündet wurde. Glücklicherweise war es nicht so kalt wie sonst um diese Jahreszeit, so dass wir auch noch dem dort singenden Chor eine ganze Weile zugehört haben.
Es ist interessant, wie die alten z.T. heidnischen Bräuche weiterleben, und jeweils jahreszeitlich angepasst werden: das Feuermachen, das in Deutschland an Ostern stattfindet, passiert hier am 30. April und das Errichten eines Maibaums, das im Badischen und Bayrischen ja zum 1. Mai stattfindet, wird hier an Mittsommer zelebriert. Das heißt dann auch nicht Maibaum, sondern midsommarstång, ist aber im Prinzip dasselbe.
Am 1. Mai finden hier natürlich auch die obligatorischen Mai-Demonstrationen statt. Ich muss schon sagen, dass es mich etwas merkwürdig anmutet, wenn zum Beispiel die Sozialdemokraten, die über Jahrzehnte an der Macht befindliche Regierungspartei in Schweden, zur 1. Mai-Demonstration aufrufen. Auf dem Motivationsplakat in der U-Bahn war zu lesen: Nun geht der Zug!. Unterhalb der Schrift viele jubelnde Menschen, deutlich sichtbar von einer Werbeagentur angeheuert. Das Plakat war zum einen völlig inhaltsleer, zum anderen erinnerte mich das so ein bisschen an die staatlich verordnete Revolution im damaligen Ostblock. Gegen wen oder was demonstriert man denn, wenn die quasi staatstragende Partei zur Demo aufruft? Merkwürdig, auch wenn Schweden derzeit ausnahmsweise nicht von den Sozialdemokraten regiert wird, sondern von einer bürgerlichen Allianz.
Dazu passt eine Geschichte, die ich im Sozialkundeunterricht gehört habe: 2001 haben sich die beiden großen schwedischen Arbeitgeberorganisationen Svenska Arbetsgivareföreningen und Sveriges Industriverbund aufgelöst und haben statt dessen eine Lobbyorganisation gegründet: Svensk Näringsliv. Nun mag man sich fragen, was der Unterschied zwischen einer Arbeitgebervereinigung und einer Lobbyorganisation ist. Ich habe gelernt: Interessenverbände haben mehr die Aufgaben, auch mit staatlichen Institutionen zu verhandeln, während Lobbyorganisationen versuchen, die öffentliche Meinung auf allen Kanälen zu beeinflussen, vor allem natürlich durch die Presse. Nun war das mit den schwedischen Arbeitgeberorganisationen so: Sie haben mit den Gewerkschaften über Tarifverträge verhandelt, sich gestritten und auf einen Kompromiss geeinigt, wie das eben so üblich ist. Danach aber gingen die Gewerkschaftsführer zu ihren sozialdemokratischen Kumpels in Regierung und Ministerien, und oft wurden dann die Punkte, die die Arbeitnehmerverbände nicht auf dem Verhandlungswege durchsetzen konnten, auf dem Verordnungswege geregelt. Da hatten die Arbeitgeberverbände offenbar keine Lust mehr dazu und haben sich deshalb gedacht, dass sie sich auch darauf konzentrieren müssen, Strukturen aufzubauen, deren Ziel vor allem die Einflussnahme ist....
Ich als mit zwei Stadtmagazinen verwöhnte Alt-Berlinerin habe fast ein Jahr lang unter der ungeordneten Informationslage zu Veranstaltungen in Stockholm gelitten. Nun haben Dagens Nyheter (übrigens die erste Tageszeitung meines Lebens, die ich abboniert habe) endlich reagiert und ihre wöchentliche Beilage På Stan verkleinert, übersichtlicher gemacht, und verschiedene Rubriken wie Kino, Theater, Musik, usw. eingeführt. Dadurch macht sich jetzt fast schon ein großstädtisches Gefühl in Stockholm breit. Nicht, dass wir das kulturelle Angebot so häufig nutzen würden, aber man hat wenigstens das Gefühl man könnte, wenn man wollte....Die Beilage gab es natürlich vor einem Jahr in weniger übersichtlicher Form auch schon, aber wenn man nicht die Dagens Nyheter kauft, ist es schwierig, an ein Stadt-Veranstaltungsprogramm zu kommen. An einer einzigen Stelle in Stockholm (zumindest soweit mir bekannt) wird das Heft öffentlich und kostenlos verteilt, aber meist ist es am gleichen Tag noch vergriffen. (Ich glaube übrigens nicht, dass die redaktionelle Veränderung von På Stan etwas mit meinem Abo zu tun hat :-)).
In der Uni geht es jetzt bereits rasch auf den Endspurt zu. Ich muss zwei dicke Ausätze schreiben, ein Buch der neueren schwedischen Literatur präsentieren, usw. An den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringen mich meine usbekische und lettische Kommilitonin, mit denen zusammen ich einen Projektaufsatz schreiben muss. Beide haben noch nie eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben, und die eine ist zudem unmotiviert, die andere unfähig. Letztens haben wir geschlagene vier Stunden gebraucht, um eine halbe Seite zu formulieren. Seufz!
Der Frühling ist dieses Jahr richtig schön hier, viele Bäume sind schon grün (im Gegensatz zum letzten Jahr um diese Zeit), und im Wald ist wieder alles über und über voll mit Buschwindröschen. Außerdem ist es bereits gaaanz ganz lange hell, was zu Irritationen bezüglich des Forschritts der Zeit am Abend führt. Auf einmal ist es zehn Uhr, dabei ist es doch gerade eben erst dunkel geworden!
Ich hoffe, Ihr genießt den Frühling ebenso und vielleicht ja auch ein langes Wochenende mit Brückentag (wie ich: heute stürzen wir uns in Stockholms Shopping-malls und treffen danach einen Freund, morgen wollen wir paddeln gehen).
In diesem Sinne
grüßt Euch herzlich
Johanna
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