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Bereits erschienen: Mitt liv i Sverige - 1. Brief Mitt liv i Sverige - 2. Brief
Mitt liv i Sverige - 3. Brief Mitt liv i Sverige - 4. Brief
Mitt liv i Sverige - 5. Brief Mitt liv i Sverige - 6. Brief
Kära vänner,
nun habe ich meinen ersten Job in Schweden! Ich arbeite in einem Altersheim, zwar nicht ganz regelmäßig, aber immerhin doch so, dass ich ein bisschen Geld verdiene. Es ist wie bei aller Arbeit: hat man nette KollegInnen, macht es Spaß, wenn nicht, weniger. Ich werde als „tidsvikarie" (d.h. befristet Angestellte) in mehreren Abteilungen eingesetzt und kriege dort durchaus verschiedene Arbeitsweisen, aber auch Haltungen mit. Da es sich um pflegerische, schlecht bezahlte Tätigkeiten handelt, sind natürlich sind 90% der Beschäftigten Frauen, und über die Hälfte sind AusländerInnen wie ich. Pro Abteilung betreuen wir 10 BewohnerInnen mit jeweils 2 Personen in der Morgens- und der Nachmittag-/Abendschicht. In der Abteilung, wo ich angefangen habe, sind 5 Bewohner über 90 (die demografische Entwicklung lässt grüßen). Einige von ihnen hatten einen (oder mehrere) Schlaganfälle und sind deshalb teilweise gelähmt, andere haben andere Einschränkungen, so dass sie sich nicht mehr selber versorgen können. Alle Bewohner haben ein eigenes, geräumiges Zimmer, ein eigenes Bad und eine Kammer zum Aufbewahren von Kleidung und anderen persönlichen Sachen.
Glücklicherweise gibt es heutzutage viele technische Hilfsmittel, so dass man sich bei der Pflege nicht mehr den Rücken kaputtmachen muss. Alle Betten sind elektrisch höhenverstellbar, und für die, die nicht mehr selber aus dem Bett aufstehen können, gibt es elektrische Lifte, mit denen man sie in den Rollstuhl, aufs Klo und wieder zurück ins Bett heben kann. Auch die Windeltechnologie ist heutzutage weit fortgeschritten: die Windeln fassen bis zu 4 Liter Flüssigkeit - die (deutsche) Chemieindustrie macht's möglich! Das hat z.B. den Vorteil dass es fast nie nasse Betten gibt. Man fragt sich unwillkürlich, wie das Personal im Pflegedienst früher seine Arbeit geschafft hat, gar noch in der Zeit, als es überhaupt keine Fertigwindeln gab.....
Außer waschen, duschen, Windeln wechseln und helfen beim Aufstehen und ins Bett gehen müssen wir die Mahlzeiten zubereiten, was aber meist nur darin besteht, fertig vorgekochtes Essen aufzuwärmen, Kartoffeln zu kochen und eventuell einen Salat zu machen (Salate sind allerdings nicht so beliebt bei den Bewohnern). Jeder Bewohner hat eine Kontaktperson unter den Festangestellten, die sozusagen für eine festere Bindung steht, und z.B. drei Mal in der Woche mit dem/r Betreffenden spazieren geht oder Ähnliches und auch Kontakt mit den Angehörigen hält.
Das Ganze wird natürlich betrieben von einem privaten Pflegedienst, Carema, wohl dem größten in Schweden. „Mein" Altersheim hat zwar einen Vertrag mit der Kommune und bekommt von dort die zukünftigen Bewohner zugewiesen und wird auch von ihr bezahlt, aber grundsätzlich fragt man sich natürlich, wohin das führt, wenn ein gewinnorientierter Betreiber Pflegedienste organisiert. Alle Arten der Gewinnmaximierung, die mir so einfallen, gehen entweder auf Kosten der Angestellten oder der Bewohner oder beides. Aber vielleicht ist deren ethisches Grundhaltung ja so, dass sie nicht auf Gewinnmaximierung aus sind. Jedenfalls hat „mein" Altersheim letzten Monat einen Qualitätspreis in der Kommune gewonnen (in Konkurrenz mit allen möglichen anderen Betrieben).
Bis gestern hätte ich gesagt, dass ich diese Arbeit fast ganz stressfrei finde. Ich habe mich ein bisschen mit meiner Kollegin darüber unterhalten, die sagte sie findet das nicht. Sie schafft es z.B. nicht mehr so gut, Doppelschichten zu arbeiten, während sie das früher als Zeitangestellte häufig gemacht hat. Sie merkt, je länger man dort arbeitet, desto stärker wird die Bindung zu den Bewohnern Deshalb leidet man mehr mit, wenn es Ihnen schlecht geht, und kann auch wesentlich schlechter abschalten. Ich habe gestern selbst das erste Mal einen kleinen Hauch von dem andersartigen Stress verspürt, der mit Arbeit mit (zu pflegenden) Menschen verbunden ist. Aufgrund eines Planungsfehlers musste ich auf einmal bis 21:00 Uhr, statt wie erwartet bis 20:00 Uhr arbeiten, was ich so ungefähr 2 Stunden vorher erfahren habe. Darüber war ich dermaßen aufgebracht, dass ich selbst ganz erstaunt war. Bei „normaler" Arbeit wäre ich wahrscheinlich einfach gegangen oder hätte zumindest erwartet, dass derjenige, der den Fehler gemacht hat, das jetzt wieder ausbügelt. Aber wenn man Menschen zu betreuen hat, kann man natürlich nicht einfach abhauen.
Im Übrigen habe ich zum ersten Mal, seit ich hergezogen bin, wirklich ernsthafte Job-Such-Aktivitäten gestartet. Bisher hatte ich es nicht so recht gewagt, mich auf schwedische Annoncen zu bewerben. Ich bin mal gespannt: einige meiner Einwanderer-Bekannten finden es total schwer, hier einen adäquaten Job zu finden. Kani, meine Nachbarin aus Togo z.B., ausgebildete Ökonomin, büffelt jetzt Programmiersprachen, weil sie meint, in der IT-Branche hat sie viel bessere Chancen. Katrin, eine Schweizer Bekannte, die aus der Verkaufs-Branche kommt, hat im Gegensatz zu mir von Anfang an ziemlich aktiv gesucht, hat aber - nach einem dreiviertel Jahr - auch noch nichts. Sie sagt, wenn jemand genauso qualifiziert ist wie sie und zudem schwedisch Muttersprachler, bekommt der natürlich den Job. Und Susanne, eine deutsche Bekannte, die in Deutschland Pressearbeit gemacht hat, hat natürlich noch viel größere Barrieren bzgl. der Sprache als ich zu überwinden, obwohl ihr Schwedisch deutlich besser ist als meins. Und schließlich Astrid, Biologin und in der Biotechnologie Branche, seit 25 Jahren in Schweden, ist gerade arbeitslos geworden und glaubt auch, dass die Schweden jobmäßig ein bisschen ausländerfeindlich sind.
Wir sind gerade auf dem Sprung nach Deutschland, zuerst Thüringen, dann zwei Wochen in Berlin und schließlich noch ein paar Tage in Rosenheim. Ich verspreche Euch aber, dass in den nächsten drei Wochen kein Brief mit den Titel „mitt liv i Tyskland" von mir kommt!
Es grüßt Euch herzlich
Johanna
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