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Bereits erschienen: Mitt liv i Sverige - 1. Brief Mitt liv i Sverige - 2. Brief
Hallo, Ihr Lieben, dass Schweden im Winter dunkel ist, ist seit ungefähr 2 Wochen so richtig zu spüren. Davor hatten wir viel schönes Wetter und auch schon den ersten Schnee, der natürlich alles gleich viel heller macht. Jetzt aber verschwindet die Sonne um kurz nach drei hinter dem Horizont. Und das Schlimmste ist: die Tageslänge verkürzt sich täglich um 5 Minuten, das macht, wie Ihr Euch leicht ausrechnen könnt, eine halbe Stunde in der Woche. Es ist jetzt bereits kürzer hell hier als in Berlin zur Wintersonnenwende. Doch seit gestern bin ich stolze Besitzerin eines Philipps-Energie Lights. Dieses Licht - ihr habt vielleicht schon davon gehört - soll Tageslicht simulieren und dem Winterblues vorbeugen, wenn man sich täglich 1/2 Stunde bis 2 Stunden davor setzt. Am erstaunlichsten ist, dass dieses Licht tatsächlich so viel heller ist, als sämtliche gewöhnlichen Lampen. Immer wenn ich einen Versuch mache, das Licht auszuschalten, kommt es mir so unglaublich dunkel in der Küche vor, dass ich es gleich wieder anmache Seit kurzen bin ich Fräulein. Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass Schweden mir zu dieser anachronistischen Anrede verhilft. Das kommt daher, dass ich ein Praktikum in einer dagis (Kindergarten) angefangen habe. Traditionsgemäß werden alle Kindergärtnerinnen und Grundschullehrerinnen (und auch die männlichen Exemplare, habe ich mir sagen lassen) mit "fröken" angesprochen. Früher wurden diese Berufe wie auch bei uns von unverheirateten Frauen ausgeführt, und wenn sie geheiratet haben, war's vorbei mit dem Arbeiten-dürfen. Ich bin in einer Gruppe namens "Igelkotta" (Igel) mit Kindern zwischen 3 und 5 Jahren. Einige der Mädchen haben mich gleich mit Beschlag belegt und waren zunächst ganz begeistert, dass ein neues fröken "mit orangen Haaren" erschien. Als dann die ersten Verständigungsprobleme auftauchten ("die Geschichte musst Du mir noch Mal erzählen, das habe ich nicht verstanden") waren sie leicht empört und fragten: "Warum sprichst Du nicht unsere Sprache?" Aber Kinder stellen sich ja sehr schnell auf eine neue Situation ein, und so fingen sie schnell an, mit mir auf andere Weise zu kommunizieren ("kannst Du meinen Namen schreiben?") Die Betreuung durch die Kommune (das ist die kleinste politische Einheit, Schweden hat insgesamt 290 Kommunen) entspricht dem Vorurteil vom schwedischen "folkshem", dem für alles sorgenden Staat. Als ich erfuhr, dass es jemanden in der Einwandererabteilung gibt, der Praktikumsplätze vermittelt, bin ich stracks zu ihm hinmarschiert und habe darum gebeten, dass ich irgendwo ein Praktikum machen kann, wo ich viel Gelegenheit zum Sprechen habe. Er hat mich dann vor die Wahl "Alte oder Kinder" gestellt und so bin ich in einer dagis gelandet. Ich musste mich um nichts selbst kümmern, ja er kam sogar mit mir mit für das Vorstellungsgespräch! Aber in Bezug auf Integration in das Arbeitsleben und die schwedische Gesellschaft ist das natürlich genau die richtige Strategie! Viele meiner Klassenkameraden wissen allerdings diese Angebote und das Geld, das der schwedische Staat in sie investiert, nicht so recht zu schätzen. Regelmäßig wundere ich mich, dass sie vor dem Unterricht schnell noch ihre Hausaufgaben von jemandem anderen abschreiben. Mal abgesehen davon, dass bei einigen sicherlich Zeitmangel eine Rolle spielt, weil sie kleine Kinder haben, habe ich den Eindruck, dass andere ihre Zeit in der Klasse nur absitzen, um in den Genuss von "studiestöd" zu kommen. Auch hier ist der schwedische Staat sehr großzügig: wer mindestens zwei Jahre im Land lebt und Vollzeit-Student in der Comvux (Erwachsenenbildung) ist, kann eine Studienunterstützung von bis zu 6000 Skr (ca. 600 Euro) im Monat bekommen. Wie hoch der Betrag genau ist hängt davon ab, wieviele Leute studiestöd beantragen, wieviel Geld die Kommune hat und welchen Schulabschluss man bereits hat (Akademiker bekommen weniger). Und das ist natürlich ein Anreiz, sich täglich zur Schule zu bemühen.... Da diese Grundhaltung bei Vielen natürlich einen schnellen Lernfortschritt nicht besonders unterstützt, habe ich mich diese Woche einem Eingangstest für Schwedisch an der Uni unterzogen. Diese Schwedischkurse dienen der Vorbereitung auf ein Studium hier (was ich ja nicht vorhabe), sollen aber sehr viel besser sein, als die Comvux-Kurse. Dementsprechend groß ist der Andrang (ich glaube, wir waren so ca. 200 Leute) und schwer die Prüfung. Ich bekomme Mitte Dezember Bescheid, ob ich's geschafft habe. Eine neu entdeckte Freude hier ist das Singen im Deutschen Chor. Anfangs war ich zwar total überfordert, weil ich keine Chor Erfahrung habe und der Chorleiter die ganze Zeit Schwedisch geredet hat. Das war meinem Verständnis, wo wir jetzt wie einsetzen, nicht gerade förderlich. Inzwischen hat ihm aber jemand gesteckt, dass nicht alle so brillant schwedisch sprechen, und ich habe mich ein bisschen eingefunden in das vielstimmige Singen. Und ich kann feststellen: Singen macht glücklich! Besonders nett ist auch der anschließende Kneipenbesuch mit Einigen; dort wird bisher immer deutsch gesprochen, auch wenn ein oder zwei Schweden dabei sind, und ich kriege viele Einsichten und Ansichten über das Leben in Schweden von Leuten, die schon länger hier sind als ich. Mein Liebster fand das anfangs etwas bedenklich, weil seiner Erfahrung nach das häufige Zusammenhängen mit "Expatriots" nicht gerade die Integration fördert, sondern man sich stundenlang darin ergeht, sich über das Gastland zu beklagen und die eigenen Gewohnheiten und Gebräuche zu vermissen. Das ist aber bei den Chorleuten deutlich anders, die meisten sind ziemlich begeistert von Schweden ohne dabei jedoch ihre Wurzeln zu verleugnen. Mal sehen, wie sich das mit meiner Begeisterung für Schweden entwickelt.... Es grüßt Euch herzlichst Johanna
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