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2007-07-01
Traumland Schweden?
Es ist nun 10 Jahre her, dass ich nach Schweden gezogen bin. Zeit für ein Resümee.
Nun 1997 gab es noch keine Fernsehsendungen die regelmäßig über Auswanderer berichteten. Damals war das noch etwas Außergewöhnliches das Wohlstandsland Deutschland zu verlassen, alles aufzugeben und einen völligen Neuanfang zu wagen. Ich habe es trotzdem gewagt. Doch ich habe es auch lange geplant. Bereits ca. 9 Jahre vorher habe ich angefangen mich für Schweden zu interessieren und ein Haus hier gekauft, die ersten Grundkenntnisse der Sprache erlernt und jedes Jahr den Urlaub hier verbracht. Eine finanzielle Absicherung in Form einer gewissen Rücklage war auch hilfreich insbesondere in den ersten Jahren. Ohne das wird ein solcher Schritt schnell zum unkalkulierbaren Abenteuer.
Heute sind gut ausgebildete Fachkräfte in Schweden gesucht. Da das vor 10 Jahren noch nicht so war, habe ich meine eigenen Firmen gegründet und bin damit bisher recht gut gefahren auch wenn ich nicht reich geworden bin, was ich auch gar nicht anstrebe.
Damit sind wir bereits bei einem wesentlichen Unterschied zwischen Deutschland und Schweden. Die meisten Schweden sind mehr daran interessiert sich ein schönes Leben zu machen als bedingungslos dem Geld nachzujagen. Ich habe hier viele Angestellte und auch Unternehmer kennengelernt, die sind zufrieden mit dem was sie erreicht haben und wollen nicht um jeden Preis noch mehr arbeiten und noch mehr verdienen. Hat man in Deutschland ein höheres Gehalt erreicht, will man - ein noch Höheres! Hier sind die Menschen häufig mit dem zufrieden was sie haben und streben nicht immer nach Mehr und immer Mehr. Es gibt natürlich Ausnahmen. Es fällt aber doch auf, das die Menschen hier ruhiger sind und nicht so hektisch. Das gilt natürlich insbesondere in den kleineren Städten und auf dem Land. Aber wer zieht schon von Berlin nach Stockholm? Da tauscht man nur die eine hektische Großstadt gegen die Andere.
Wer nach Schweden kommt sucht normalerweise nicht die Hektik sondern die Ruhe und die Nähe zur Natur und das gibt es hier beides noch! Ich möchte das als eine andere Art von Lebensqualität bezeichnen. Hier gibt es nicht so viel Hektik und Stress, obwohl die Schweden das oft ganz anders sehen, hier ist mehr Ruhe und Gelassenheit. Obwohl die Schweden selber sich häufig gestresst sehen, behaupte ich ganz dreist, „die Schweden sind schon gestresst, wenn sie mal 2 Stunden keine Kaffeepause gehabt haben". Kaffeetrinken ist so ´ne Art Nationalsport, ohne Kaffe geht hier gar nichts. Wer für die nächste Besprechung den Kaffe und die zugehörigen „Bullar", so ne Art Gebäck oder Ähnliches, mitbringen soll steht nicht selten im letzten Besprechungsprotokoll. Ist ja auch wichtig, zumindest in Schweden!
Die, aus deutscher Sicht, etwas sagen wir mal lockere Einstellung zur Arbeit, führt im Anfang häufig zu Irritationen bei frischgebackenen Einwanderern.
Man muss nicht damit rechnen, dass eine einfache Bescheinigung direkt ausgestellt wird. Das kann schon mal eine Woche oder länger dauern. Einen Termin beim Arzt bekommt man noch schwieriger. Das beruht aber auch auf der Tatsache, das die Ärzte in Schweden so ´ne Art Beamte sind. Zumindest arbeiten sie so. Warum soll man sich auch mit mehr als 5 Patienten pro Tag abgeben, wenn man ja eh´ ein festes Gehalt bekommt? Gleiches gilt auch für das was in anderen Ländern Service genannt wird. So etwas gibt es hier nicht, oder es wird zumindest anders definiert. Wenn man dem Kunden irgendwann innerhalb des nächsten halben Jahres weiterhilft, ist das doch auch so ´ne Art Service, oder? Der Austausch eines DVD Laufwerkes kann da schon mal 4 Wochen dauern!
Besonders lustig ist es im Sommer! Ende Juni bis Anfang August sind in Schweden Industrieferien. Dann bekommt man noch etwas zu essen und die Freizeiteinrichtungen und Campingplätze sind geöffnet. Sonst nichts! Will man etwas auf einem Amt erledigen oder ein Gerät reparieren etc., kann man bis Mitte August warten. Dann kommen die Schweden wieder zurück von ihren 4 bis 6 Wochen Urlaub und fangen langsam wieder an zu arbeiten. Es ist aber in den letzten Jahren etwas besser geworden. So haben z. B. Baumärkte teilweise im Sommer geöffnet, weil die doch langsam darauf gekommen sind, dass dann die „Häuslebastler" rege sind. Als ich 1988 mein Haus in Schweden gekauft habe, musste ich mir vom Nachbarn Holz für die Renovierung leihen, weil die Baumärkte alle geschlossen hatten. Es war eben Sommer!
Da wir gerade bei Nachbarn sind: die Schweden sind ja nicht sehr kontaktfreudig und als ich das erste Mal bei meinem Nachbarn war, weil ich seine Genehmigung für meinen Abwassertank brauchte, hat er mir ruhig zugehört, aber weder Ja noch Nein gesagt. Heute sind wir die besten Freunde, helfen uns gegenseitig und treffen uns fast täglich. Wenn die Schweden erstmal Zutrauen gefasst haben, sind sie sehr gute und zuverlässige Freunde, Ausnahmen gibt es natürlich auch da.
Über die Verwaltung haben wir schon kurz gesprochen und es gibt eigentlich nicht viel mehr zu sagen, als dass sie genauso träge und umständlich ist wie anderswo. Man sollte vermeiden in der Mittags- oder Kaffeepause anzurufen, weil dann einem der Automat mitteilt, dass der entsprechende Mitarbeiter um die und die Uhrzeit wiederkommt, was manchmal auch stimmt oder das er Morgen oder so wieder zu erreichen ist. Mittagspause ist meist zwischen 12 Uhr und 13 Uhr. Kaffeepause ist den Rest des Tages.
Was man in Schweden also braucht ist Geduld und dann sollte man sich mal von dem ruhigen Lebensrhythmus anstecken lassen. Es muss ja nicht immer Alles sofort gelöst werden. Morgen ist ja auch noch ein Tag und wenn Heute die Sonne scheint, sollte man das erstmal ausnutzen! Es gibt sehr viel schöne Natur hier zu erleben und jede Menge Platz um auch mal etwas zu genießen, was es anderswo nicht mehr gibt - Ruhe! In Schweden sind die Entfernungen zwischen den Städten und Dörfern groß und insbesondere im nördliche Drittel von Schweden rechnet man eher mit km2 pro Einwohner als mit Einwohner pro km2. Das bedeutet auch, dass es noch eine Menge ruhiger Plätze in der Natur gibt und wer die liebt ist hier richtig. Für Hektik haben wir Stockholm, Göteborg und Malmö. Der Rest ist wunderschön.
Es gibt noch viel zu entdecken in diesem Land und ich bereue nicht hierher gezogen zu sein, auch wenn nicht alles so ist, wie man es sich von seinem „Traumland" erwartet. Auch hier muss man arbeiten und sich mit den täglichen Kleinigkeiten herumärgern, aber es gibt auch wunderschöne Tage die man in der noch relativ unverdorbenen Natur erleben kann.
Ich finde immer noch, das Schweden sehr schön ist und ich fühle mich hier sehr wohl! |